Konkret statt abstrakt: KAIROS schafft erfolgreich Beteiligung
Identifikation entsteht durch Beteiligung, durch Engagement – und durch Herzblut. Wenn Menschen in kommunale Prozesse eingreifen sollen, dann braucht es anschauliche Erklärungen. Genau an diesem Punkt hat das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Projekt „KAIROS“ angesetzt. „Die Zukunft schon jetzt sehen, genau das macht KAIROS möglich. Aus abstrakter Stadtplanung wird etwas Konkretes, etwas Sichtbares. Auf diese Weise kann es gelingen, Menschen in Prozesse dieser Planungen einzubeziehen. Und die Lebensqualität bei uns vor Ort nicht nur zu erhalten, sondern permanent weiter zu steigern“, erklärte Volker Sonneborn. Der Bürgermeister der Stadt Bad Berleburg war zufrieden mit dem Verlauf des Projektes, das mit einer Abschlussveranstaltung im Autohaus Jürgens in Schameder sein Finale fand. Ende September läuft das geförderte Projekt aus.
Konkrete Projekte geplant und umgesetzt
„Mit KAIROS war es möglich, Planungsprozesse ganz neu zu denken. Das ist eine riesige Chance für künftige Prozesse. Das gesamte Projekt hat einen konkreten Nutzen entfaltet, hat Pilotcharakter. Denn: Städte und Gemeinden müssen ein großes Interesse daran haben, gute Planungen zu haben. Es ist nicht nur wichtig, Menschen einzubinden – es ist wichtig zu wissen, wie man die Menschen sinnvoll einbindet, die die Orte und Plätze später nutzen“, betonte Henning Gronau. Der Bürgermeister der Gemeinde Erndtebrück dankte wie sein Bad Berleburger Pendant allen Beteiligten herzlich für ihr Engagement – beide Kommunen hatten in den vergangenen gut drei Jahren an dem Projekt unter Leitung der Universität Siegen sowie der netzfactor GmbH an dem Modellprojekt teilgenommen. Dabei haben Bürgerinnen und Bürger der beiden Kommunen nicht nur konkrete Projekte mittels Mixed-Reality-Technologien geplant, die beiden Kommunen haben sie anschließend auch realisiert. In Bad Berleburg etwa sind die Anregungen des Zukunftsrates mit zahlreichen Jugendlichen in die Planungsprozesse zur Neugestaltung des Marktplatzes eingeflossen. In Erndtebrück haben Schülerinnen und Schüler der Realschule konkrete Ideen zur Neugestaltung ihres Schulhofs entwickelt. Ein zweiter Schritt in der Edergemeinde war die Neugestaltung des Areals auf dem alten Friedhof – dort steht die Umsetzung noch aus, ebenso wie die Gestaltungsansätze für das neue Areal des Odebornzentrums in Bad Berleburg.
Ein Demonstrator mit Potenzial
„Ausgangspunkt und Crux war, dass vor allem junge Menschen nur selten an Bürgerbeteiligungen teilnehmen. Deshalb war es unser Ziel analoge Beteiligungsformate zu ergänzen und hybride Räume zu schaffen. Das ist nicht so einfach, wie man es sich wünschen würde. Es ist aber sinnvoll Mixed-Reality und analoge Formate zu kombinieren, weil gerade jüngere Menschen damit zu begeistern sind“, erklärte Projektleiter Prof. Dr. Thomas Ludwig. Der Wittgensteiner hatte das Projekt zunächst für die Fernuniversität Hagen und dann – nach seinem Wechsel – für die Universität Siegen koordiniert. Klar ist: Mit Abschluss des Projektes gibt es kein fertiges Produkt. „Forschungsförderung ist so ausgelegt, dass sie sogenannte Demonstratoren hervorbringt, die der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden – so wie jetzt in Bad Berleburg und Erndtebrück. Unternehmen können die Ideen aufgreifen und daraus ein Geschäftsmodell machen, wenn sie es wollen“, verriet Thomas Ludwig. Inwiefern dies auf Seiten der netzfactor GmbH ein Thema ist, ließ Prof. Dr. Jörg Muschiol offen, aber: „Wir müssten das Projekt aus der Laborumgebung in die Projektentwicklung geben, um daraus eine Software zu schaffen. Auch wenn kein fertiges Produkt vorhanden ist, hoffen wir, dass das künftig möglich ist“, erklärte der netzfactor-Geschäftsführer, der künstliche Intelligenz durchaus als einen möglichen Schlüssel sah.
Wertvolle Erkenntnisse
Denn derzeit ist es noch durchaus komplex, Designelemente oder ganze Areale in das System zu übertragen und mittels der verschiedenen Mixed-Reality-Techniken zugänglich zu machen. Um beispielsweise mittels Smartphones oder VR-Brille virtuelle Objekte in eine reale Umgebung zu platzieren, bedarf es zuvor eines hohen Vorbereitungsaufwandes. Technisch bereits alles möglich und im KAIROS-Projekt zur Anwendung gekommen. Für Bad Berleburg und Erndtebrück hatte das Unternehmen jedoch stets passgenaue individuelle Lösungen kreiert – um Marktreife zu erlangen, müsste ein universelles Werkzeug entstehen, das die Bedarfe generell abdeckt. Dass die Technologie es definitiv wert ist, weiter zu wachsen, daran ließen die Verantwortlichen keine Zweifel: „Die Erkenntnisse, die wir aus dem Prozess gesammelt haben, sind extrem wertvoll und wichtig. Auch wenn wir kein fertiges Produkt haben, hoffen wir, dass dies künftig möglich ist. Denn die Mehrwerte liegen auf der Hand, gerade auch für Bürgerinnen und Bürger. Daher bin ich mir sicher, dass der Demonstrator noch des Öfteren bei uns zum Einsatz kommen wird“, betonte Erndtebrücks Stadt- und Bauleitplaner Andreas Dreisbach. Er ist zugleich mit Vera Lauber Projektleiter auf Erndtebrücker Seite, derweil Julia Eitzenhöfer und Jens Steinhoff den KAIROS-Prozess auf Bad Berleburger Seite koordiniert haben. Andreas Dreisbach wiederum fand Zustimmung bei seinem Bad Berleburger Pendant: „Wir können mit diesem Werkzeug nicht nur Bauprojekte der Zukunft schon vorher sichtbar machen, es wäre beispielsweise auch möglich, Hochwasserszenarien oder andere Extremwetterereignisse zu simulieren und diese auf diese Weise greifbar zu machen“, erklärte der Abteilungsleiter Wohnen, Stadt- und Dorfentwicklung, Tobias Feige. Sichtbar machen, das war auch das Stichwort für Thomas Ludwig: „Es gibt viele Anknüpfungspunkte und Simulationsmöglichkeiten, beispielsweise mit Blick auf Klimaanpassung, Dürre, unsere Wälder, die zivile Sicherheit, Fluchtwege auf Großveranstaltungen wie etwa dem Stünzelfest und, und, und. Das Zusammenspiel von virtueller Realität und künstlicher Intelligenz kann und wird da eine ganz zentrale Rolle spielen“, wusste der Professor der Universität Siegen. Auch auf diese Weise entstehen dann künftig plastische Erklärungen – und es lassen sich Lösungen für Herausforderungen finden, die jetzt möglicherweise noch gar nicht präsent sind.
KAIROS
Das Projekt KAIROS wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.