Industrie und Verwaltung an der neuen Provinzialstraße - die Jugendstilvilla der Familie Koch: Zeugnis vergangener Industriekultur
Unmittelbar neben dem heutigen Rathaus von Bad Berleburg erhebt sich ein architektonisches Juwel: Die Jugendstilvilla der Familie Koch. 1897 erbaut, war sie das repräsentative Wohnhaus der Eigentümerfamilie der Wittgensteiner Holzwaren-Industrie C. Koch. Mit drei Geschossen und über 500 Quadratmetern Wohnfläche zählt sie bis heute zu den eindrucksvollsten Gebäuden der Stadt.
Ein prachtvoller Jugendstilbau
Die aufwendige Gestaltung der Villa fällt sofort ins Auge. Typische Elemente des Jugendstils finden sich am gesamten Gebäude: Türmchen, Balkone, Loggien, eine mit Kapitellen bekrönte Säulenrahmung der Fenster im Erdgeschoss, bleiverglaste Fenster im Treppenhaus und farbige, verzierte Dachpfannen. Das Dachgeschoss zeigt Sichtfachwerk und zahlreiche weitere Zierelemente schmücken das Gebäude. Die ursprüngliche Farbgebung – wohl in Weiß und Braun – unterstrich einst die elegante Erscheinung. Der parkähnliche Garten – der heutige Rathausgarten – wird von Ziegel-Mauerpfeilern und kunstvollen Eisenzaunfeldern entlang der Poststraße eingefriedet. Einst befanden sich dort ein Teehaus mit Laubengängen und ein großer Teich.
Unterschiedliche Nutzung
In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Villa vielfältig genutzt: Büros und Wohnungen – bis in die 1970er Jahre auch die der Landratsfamilie – befanden sich in ihr, sie war vorübergehend Museumsdepot, Kreispolizeibehörde, Jugendfreizeitstätte, Musikschule, Kurverwaltung und Touristeninformation. 2012 wurde die Villa an einen privaten Käufer veräußert, doch es besteht weiterhin die Möglichkeit, sich in dem prachtvollen Gebäude trauen zu lassen.
Ein erfolgreiches Unternehmen
Ursprünglich war die Villa Teil eines größeren Industrieareals, das auf C. Koch zurückging. Er eröffnete 1860 ein Kolonialwarengeschäft, aus dem sich rasch eine erfolgreiche Holzwarenfabrik entwickelte. Hergestellt wurden Holzlöffel, Butterformen, Schneidbretter und Weiteres für den Küchenbedarf, aber auch Fasskräne, Schränke oder Etageren, um nur eine kleine Auswahl der umfassenden Produktpalette der Firma C. Koch zu nennen. Neben Holzprodukten aus eigener Produktion vertrieb die Firma auch Waschmaschinen, Mangel- und Buttermaschinen, die sie aus dem europäischen Ausland und Amerika importierte. C. Koch und sein Sohn Friedrich waren nicht nur in Berleburg aktiv, sondern hielten auch Beteiligungen an Firmen in Thüringen und Süddeutschland. Der Fabrikkomplex bestand aus einem fünfgeschossigen Gebäude mit eigener Dampfkesselanlage und Stromgenerator an der Odeborn sowie einem zweigeschossigen Büro- und Lagerhaus an der Poststraße, das in seiner Gestaltung der Villa ähnelte. Mit fast 200 Beschäftigten gehörte die Firma C. Koch zu den größten Arbeitgebern der Region.