Wegschauen ist keine Option: Mahnwache mit klaren Appellen
Ein Zeichen setzen – darum ging es. Und rund 400 Menschen folgten diesem Aufruf am Mittwochabend am jüdischen Mahnmal in Bad Berleburg. „Es geht darum, ein Zeichen zu setzen – für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Zusammenhalt. Für all das, was selbstverständlich sein sollte – und es längst nicht mehr ist“, erklärte Volker Sonneborn im Rahmen der Mahnwache im Berlebach, die als Reaktion auf die Schändungen auf dem alten jüdischen Friedhof sowie am Mahnmal stattfand. Beide sind inzwischen vollständig repariert und wiederhergestellt. Der Bürgermeister der Stadt Bad Berleburg setzte damit ein deutliches Zeichen. Denn: „Gerade das macht diese Mahnwache besonders: zu sehen, dass niemand alleine ist. Dass so viele Menschen die genau diese Fahne hochhalten und füreinander einstehen. Denn bei uns sind alle Menschen willkommen. Einander ist alles was wir haben!“ Zugleich nahm er letztlich alle Menschen in die Pflicht, in bewegten Zeiten das notwendige Fingerspitzengefühl zu zeigen. Gerade den Menschen gegenüber, die sich vom Gedanken der Mahnwache nicht angesprochen fühlten.
"Füreinander einstehen, für die Menschlichkeit"
„Wir müssen wieder lernen, uns zuzuhören. Ein offenes Ohr zu haben und füreinander einzustehen, für die Menschlichkeit“, appellierte Volker Sonneborn. Weder der oder die Täter, noch das Motiv für die Schändungen sind bislang bekannt. „Ein Handeln, das wir auf das Schärfste zutiefst verurteilen und das wir weder akzeptieren, noch tolerieren können. Ein Handeln, das uns zusammengebracht hat. Wenn unser Credo ,Nie wieder ist jetzt‘ lautet, dann sind solche nicht in Worte zu fassenden Schändungen damit unvereinbar – dafür gibt es null Toleranz.“ Deshalb nahm er nicht nur die Menschen als solche in die Pflicht, sondern ganz besonders auch politische Entscheidungsträger. „Es ist die Aufgabe von Politik, die Sorgen, Ängste und Nöte der Menschen wieder ernst zu nehmen. Wieder Werte zu vermitteln, die mit unseren moralischen Vorstellungen eines friedlichen Zusammenlebens und vor allem unserem Grundgesetz vereinbar sind. Es ist Aufgabe unserer Gesellschaft – und damit meine ich kein diffuses Konstrukt, damit meine ich uns – diese Werte zu leben“, konstatierte Volker Sonneborn, der allen Beteiligten für die Organisation der Mahnwache dankte. Mit Charlotte Trendelenburg hatte sich eine ehemalige Bad Berleburgerin, die ihrer Heimat bis heute verbunden ist, auf Eigeninitiative im Rahmen der Mahnwache mit drei Liedstücken an der Mahnwache beteiligt – „This is how we pray“ von Lulu und Mischka, „Frühling“ von SOFFIE und „Imagine“ von John Lennon. „Abwarten und Zuschauen sind keine Option. Jeder und jede ist aktuell gefragt, seine bzw. ihre Fähigkeiten einzubringen, um für demokratische Werte, Menschenwürde und das wertschätzende Miteinander einzustehen. Mit meiner Musik möchte ich eine Quelle für Hoffnung und Mut sein, die es für den friedvollen Widerstand braucht“, erklärte die Wahl-Bonnerin.
"Unsere Zusammenkunft spricht die Sprache der Menschlichkeit"
Es waren deutliche Worte – und nicht die letzten dieser Art an diesem Abend. „Wie wir mit unseren Toten umgehen, zeigt, wie wir die Lebenden achten. Die Schändungen sprechen die Sprache des Hasses – unsere heutige Zusammenkunft spricht die Sprache der Menschlichkeit“, erklärte Avigdor Moshe Nosikov. Der Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde Dortmund und Kultusbeauftragter des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe ging in seiner Rede auf die Bedeutung von Menschenwürde, Freiheit, Frieden und gegenseitigen Respekt ein. Ebenso wie Jochen Menn: „Diese Taten werden nicht verharmlost und als Dummejungenstreiche angesehen, sondern als ein Angriff auf die Praxis des toleranten und vielfältigen Zusammenlebens in Wittgenstein aufgefasst. Diese Mahnwache ist auch ein Signal an die jüdische Gemeinschaft in Deutschland: Wir schauen hin. Wir lassen euch nicht allein. Wir wollen, dass ihr angstfrei in Deutschland leben könnt“, erklärte der Vorsitzende des Bad Laaspher Freundeskreises für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Die evangelische und katholische Kirche sowie die Freie evangelische Gemeinschaft hatten ihr ökumenisches Friedensgebet in die Mahnwache integriert. „Aus der Erinnerung an unsere Geschichte erwächst eine klare gesellschaftliche Verantwortung für die Gegenwart: Wir dürfen nicht zulassen, dass Hass, Antisemitismus und Ausgrenzung wieder Raum gewinnen. Als Kirche sind wir gefordert, Haltung zu zeigen, Menschenwürde zu schützen und dort zu widersprechen, wo Menschen verachtet oder ausgegrenzt werden. Erinnerung darf nicht bei der Vergangenheit stehen bleiben. Sie muss unser Handeln heute bestimmen“, erklärte die Superintendentin des evangelischen Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein, Kerstin Grünert. Und stimmte damit in den Tenor von Volker Sonneborn ein: „Hass, Ausgrenzung und Antisemitismus sind keine Probleme bestimmter Menschengruppen – sie sind unser aller Probleme. Wir müssen Antworten darauf finden und Lösungen schaffen. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, kennen wir die Antworten, kennen wir auch die Ursachen unserer Probleme – sie klar zu benennen, ist eine unbequeme Wahrheit. Was es allerdings bedeutet, ihnen aus dem Weg zu gehen, lehrt uns nicht nur die Geschichte, sondern allein der Grund, warum wir hier gemeinsam stehen.“ Eine Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch den Abend zog. „Hinter unseren Worten und Handlungen stecken immer Haltungen, immer das, was in unseren Herzen ganz tief drinnen ist: Wenn wir einen Menschen ohne Respekt sehen, dann werden wir ihn auch nicht respektvoll behandeln. Die Schändung eines jüdischen Mahnmals ist Ausdruck der Verachtung eines ganz bestimmten Lebens; die Schändung einer Grabstätte Verachtung des Lebens. Deswegen liegt so viel an unserer Herzenshaltung, für die gerade die Friedensgebete im Berleburger Raum sensibilisieren“, erklärte der Pastor der Evangelischen Gemeinschaft Bad Berleburg, Dennis Haßler.
"Haben Sie Zivilcourage"
Die Stadtjugendpflege hatte derweil mit Jugendlichen im Rahmen der Ferienspiele ein Stop-Motion-Filme unter dem Motto „Frame for Change – Deine Idee. Deine Message. Dein Film.“ gedreht – als Reaktion auf die Schändungen und mit dem thematischen Mittelpunkt von gegenseitigem Respekt, Toleranz und dem Fokus auf einem demokratischen Grundverständnis. Dieser Film war ebenso Teil der Mahnwache wie drei Videobotschaften von Nachfahrinnen und Nachfahren von Berleburger Juden, die das NS-Regime verfolgt hatte. Barbara Zimmer-Rissman, David E. Weinstein und Jennifer Krebs hatten sich mit eindrücklichen Worten an die Gäste gewendet. Letztere, die Tochter des Holocaustüberlebenden Berleburgers Paul Krebs etwa zeigte sich erschüttert von den Schändungen. Als sie sprach, war es ganz still. „Das Berleburger Mahnmal und der Friedhof wurden beschädigt. Heute richten wir sie wieder auf und sorgen dafür, dass sie stehen bleiben! Wir müssen den Mut finden, Hass nicht hinzunehmen. Menschen zu schikanieren, zu bedrohen oder zu töten, löst keine wirtschaftlichen Probleme. Es macht unsere Gesellschaft nicht besser, sondern unsicherer. Hass ist nicht hinnehmbar. Diejenigen, die den Friedhof und das Mahnmal geschändet haben, rechnen mit unserem Schweigen. Was in Deutschland vor 88 Jahren geschah, begann genauso. Und jedes Mal schauten die Menschen weg“, erklärte die in den USA lebende Großnichte von Adele Krebs, und richtete sich persönlich an die Menschen: „Deshalb bitte ich Sie um drei Dinge: Kommen Sie weiterhin hierher, nicht nur an Jahrestagen. Bringen Sie Ihren Kindern die Namen auf den Grabsteinen näher. Denn ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Und wenn Sie den alten Hass hören, ob am Esstisch, im Internet oder auf dem Schulhof – dann sagen Sie etwas. Und zwar beim ersten Mal, nicht erst beim fünften Mal. Bitte tragen Sie Ihren Teil dazu bei, das sich die Gewalt nicht weiter ausbreitet.“ Ihre emotionalen Worte schloss Jennifer Krebs mit einer klaren Forderung, mit der sie alle Menschen in die Verantwortung nahm: „Erheben Sie Ihre Stimme. Wählen Sie keinen Hass. Machen Sie keinen Witz auf Kosten anderer. Seien Sie freundlich. Haben Sie Zivilcourage.“
Videobotschaften und Stop-Motion-Filme
Sämtliche Videobotschaften und die Stop-Motion-Filme sind ab sofort an dieser Stelle sowie im Internet unter www.bad-berleburg.de/Rathaus/Aktuelles/Projekte/Brücke-gegen-das-Vergessen/ zu sehen. Dort sind auch die Stop-Motion-Filme veröffentlicht, die im Rahmen der Ferienspiele der Stadtjugendpflege Bad Berleburg entstanden sind – konzipiert und erstellt durch Kinder und Jugendliche.
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Videobotschaft Jennifer Krebs
Im Spätsommer 2026 kam es in Bad Berleburg zu Schändungen von Gräbern auf dem alten jüdischen Friedhof sowie am jüdischen Mahnmal in Bad Berleburg. Als Reaktion darauf fand Ende Oktober 2026 eine öffentliche Mahnwache am jüdischen Mahnmal statt. In diesem Zuge strahlte die Stadt Bad Berleburg mehrere Videobotschaften von jüdischen Menschen aus, deren Vorfahren während des NS-Regimes in Bad Berleburg gelebt hatten und entweder ins Ausland geflohen sind oder durch die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordet wurden. Unter den Videobotschaften befand sich auf die von Jennifer Krebs.
Jennifer Krebs
© Stadt Bad Berleburg -
Videobotschaft Barbara Zimmer-Rissman
Im Spätsommer 2026 kam es in Bad Berleburg zu Schändungen von Gräbern auf dem alten jüdischen Friedhof sowie am jüdischen Mahnmal in Bad Berleburg. Als Reaktion darauf fand Ende Oktober 2026 eine öffentliche Mahnwache am jüdischen Mahnmal statt. In diesem Zuge strahlte die Stadt Bad Berleburg mehrere Videobotschaften von jüdischen Menschen aus, deren Vorfahren während des NS-Regimes in Bad Berleburg gelebt hatten und entweder ins Ausland geflohen sind oder durch die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordet wurden. Unter den Videobotschaften befand sich auf die von Barbara Zimmer-Rissman.
Barbara Zimmer-Rissman
© Stadt Bad Berleburg -
Videobotschaft David E. Weinstein
Im Spätsommer 2026 kam es in Bad Berleburg zu Schändungen von Gräbern auf dem alten jüdischen Friedhof sowie am jüdischen Mahnmal in Bad Berleburg. Als Reaktion darauf fand Ende Oktober 2026 eine öffentliche Mahnwache am jüdischen Mahnmal statt. In diesem Zuge strahlte die Stadt Bad Berleburg mehrere Videobotschaften von jüdischen Menschen aus, deren Vorfahren während des NS-Regimes in Bad Berleburg gelebt hatten und entweder ins Ausland geflohen sind oder durch die Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordet wurden. Unter den Videobotschaften befand sich auf die von David E. Weinstein.
David E. Weinstein
© Stadt Bad Berleburg -
Stop-Motion-Filme "Frame for Change - Deine Idee. Deine Message. Dein Film."
Im Rahmen der Herbst-Ferienspiele 2026 der Stadtjugendpflege Bad Berleburg haben Kinder und Jugendliche mehrere Stop-Motion-Filme gedreht. Das Thema: "Frame for Change - Deine Idee. Deine Message. Dein Film." Die Filme sind eine Reaktion auf die Schändungen an Gräbern des alten jüdischen Friedhofs sowie des jüdischen Mahnmals in Bad Berleburg und beschäftigen sich mit Demokratie, Vielfalt und Zusammenhalt.
© Stadtjugendpflege Bad Berleburg