Die jüdische Gemeinde in Berleburg - von den Anfängen bis zum Pogrom
Die Wurzeln der jüdischen Gemeinde Berleburgs reichen bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurück. Damals wandte sich Veit, ein Mann jüdischen Glaubens aus Hessen, an Graf Ludwig Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. In einem Brief bat er den Grafen, ihm und seiner Familie die Erlaubnis zu erteilen, sich in der Stadt anzusiedeln und hier Zuflucht vor den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges zu finden, der in Hessen stärker gewütet hatte als in Berleburg. In den nachfolgenden Jahrzehnten erhielten weitere jüdische Familien die Erlaubnis, sich in Berleburg niederzulassen.
Unter dem Schutz des Landesherrn
Über Jahrhunderte war es Jüdinnen und Juden nicht gestattet, sich ohne ausdrückliche Erlaubnis eines Landes- oder Stadtherren an einem Ort oder in einer Stadt niederzulassen. Wurde ihnen die Erlaubnis zur Ansiedlung erteilt, wurden sie in den Schutz des jeweiligen Herrn aufgenommen. Dieser Schutz war mit Zahlungen verbunden, die die Jüdinnen und Juden zu leisten hatten. Eine nachhaltige Sicherheit gegen Diskriminierung und Vertreibung bot der Schutz des Landesherrn jedoch nicht. Auch waren sie in ihrer Berufswahl eingeschränkt – zahlreiche Berufe blieben ihnen verwehrt. Erst im Zuge der Aufklärung wurden im 18. Jahrhundert Forderungen nach rechtlicher und politischer Gleichstellung jüdischer Männer laut. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurden Jüdinnen und Juden mit allen anderen Konfessionen gleichgestellt. Auch die Ansiedlungspolitik der Grafen zu Sayn-Wittgenstein im 17. Jahrhundert folgte vor allem finanziellen Interessen – in den gräflichen Schutz nahmen sie nur wohlhabende Familien auf. Außerdem verfügte Graf Ludwig Casimir, nur er dürfe Schutzgeld verlangen, der Stadt stünde dies nicht zu. Versuche der Stadt, diese Regelung in den nachfolgenden Jahrzehnten zu ändern, scheiterten.
Der lange Weg zur Gleichstellung
Im Zuge des 18. Jahrhunderts etablierte sich eine kleine jüdische Gemeinschaft, deren Mitglieder vor allem als Klein- und Viehhändler sowie als Schlachter tätig waren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gelang es den Berleburger Jüdinnen und Juden, sich wirtschaftlich breiter aufzustellen und unter anderem eine Gastwirtschaft oder eine Seifensiederei zu betreiben, wobei der Haupttätigkeitsbereich weiterhin im Handel lag. Die Entwicklungen des 19. Jahrhunderts erlaubten es auch den Berleburger Jüdinnen und Juden, zunehmend am politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben der Mehrheitsgesellschaft teilzuhaben und bestimmten Pflichten nachzukommen: Jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden offiziell in die Berleburger Bürgerschaft aufgenommen, drei Berleburger Juden nahmen am Deutsch-Französischen Krieg teil. Doch der Weg zur Gleichberechtigung war lang. Noch 1833, vor dem Bau der neuen Synagoge, verfügte der Regierungspräsident, die Synagoge müsse unbedingt weit genug von der Kirche entfernt entstehen, um die christlichen Gottesdienstbesucher nicht zu stören.
Verfolgung und Vernichtung
Nachdem die Nationalsozialisten durch die Reichstagswahlen 1933 an die Macht gekommen waren, riefen sie umgehend zum Boykott jüdisch geführter Geschäfte auf. Personen, die diesem Boykott nicht nachkämen, sollten öffentlich diffamiert werden. Amtliche Dokumente belegen bis heute, dass in Stadtverwaltung und Landratsamt gegen jüdische Mitbürgerinnen und -bürger gehetzt und sie ausgegrenzt wurden. Auch Bürgerinnen und Bürger, die für jüdische Familien arbeiteten, wurden schikaniert. 1935 wurde gegenüber dem Bahnhof ein Schild mit der Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht“ angebracht. Während der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge verwüstet, die hebräische Inschrift aus dem Balken an der Fassade geschlagen und jüdische Männer inhaftiert. In den nachfolgenden Jahren wanderte ein Großteil der jüdischen Einwohner unter dem Druck des Nationalsozialismus aus. Die Verbliebenen wurden gezwungen, ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Seit 1940 mussten sie in sogenannten „Judenhäusern“ leben, von denen sich eines an der Marburger Straße und eines in der Hochstraße befand. Ab 1942 wurden die noch in Berleburg lebenden Jüdinnen und Juden deportiert und ermordet. Von den Überlebenden kehrte nur Julius Goldschmidt dauerhaft nach Berleburg zurück. Stadt und nichtjüdische Berleburgerinnen und Berleburg profitierten vom Leid ihrer Mitbürgerinnen und -bürger: Der Bürgermeister ließ das Hab und Gut der Deportierten öffentlich versteigern. 83 Grundstücke, die eigentlich jüdischen Eigentümerinnen und Eigentümern gehört hatten, gelangten in die Hände von Stadt und nichtjüdischen Bürgerinnen und Bürgern. Heute gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Bad Berleburg.