Industrie und Verwaltung an der neuen Provinzialstraße - Niedergang der Firma Wittgensteiner Holzwaren-Industrie C. Koch und das Landratsamt
Ein verheerender Brand im Januar 1905 zerstörte die Produktion, Villa und Bürogebäude blieben jedoch unversehrt. Friedrich Koch, Sohn des Firmengründers C. Koch, reichte umgehend einen Bauantrag ein. Doch bereits im März desselben Jahres trat der Kaufmann Friedrich Breimer als neuer Eigentümer auf – vielleicht ging der Verkauf auf die unzureichende Brandversicherung der Gebäude zurück, die Friedrich Koch in finanzielle Bedrängnis brachte. Der Wiederaufbau verlief schnell: Im Sommer wurde der Rohbau abgenommen, im November 1905 die Nutzungsfreigabe erteilt.
Die Wirtschaftskrise führt zum endgültigen Aus
Der katastrophalen wirtschaftlichen Lage der 1920er und frühen 1930er Jahre konnte die Firma nicht trotzen: Zunächst fiel das über 6000 m² große Grundstück mit Kutscherhaus, Pferdestall, Treibhaus und Beeten auf der gegenüberliegenden Seite der Poststraße – heute Poststraße 59 – an die Sparkasse und wurde dann von Karl Schlabach erworben, der dort eine Druckerei und Papierhandlung aufbaute. Das Druckereigebäude wies im oberen Bereich jugendstiltypische Fachwerkelemente ganz ähnlich der Villa auf. 1931 fand die Wittgensteiner Holzwaren-Industrie C. Koch schließlich ihr Ende: Es kam zur Zwangsversteigerung und zum endgültigen Konkurs. Die verbliebenen Lagerbestände wurden über Jahre abverkauft. 1940 erwarb die Bertram Müller GmbH aus Weidenau das Gelände und wandelte es in einen Eisen- und Stahlbetrieb um. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in den Fabrikgebäuden zunächst ehemalige polnische Zwangsarbeiter und ihre Familien untergebracht, es folgten verschiedene Nutzungen. In den frühen 1950er Jahren baute die Eigentümerfirma – nun unter dem Namen Samesreuter-Müller-Schuss – weitere Gebäude und Hallen, bis die Produktion 1969 innerhalb Berleburgs verlagert wurde. 1975 folgte der Abriss der Betriebsgebäude. Nur das einstige Büro- und Lagerhaus überdauerte kurzzeitig, genutzt vom Bauhof der Stadt, ehe auch dieses verschwand. Nachdem die Firma Schlabach ihren Produktionsstandort in Bad Berleburg 2003 aufgegeben hatte, wurden auch diese Firmengebäude 2006 schließlich abgerissen. Heute erinnert nur noch die prachtvolle Villa an die florierende Firmengeschichte der C. Koch’schen Holzwaren-Industrie.
Ein weiteres bauhistorisches Zeugnis
In unmittelbarer Nähe befindet sich das ehemalige Landratsamt des Kreises Wittgenstein, das 1895 und somit zwei Jahre vor der Fabrikantenvilla fertiggestellt wurde. Heute beherbergt es das Rathaus Bad Berleburgs. Das Gebäude ist ein typisches Beispiel für die repräsentative Verwaltungsarchitektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die sowohl funktionale Klarheit als auch repräsentativen Anspruch miteinander vereint. Sie verbindet verschiedene Elemente des Historismus: Die symmetrisch gegliederte Fassade wird durch einen leicht hervortretenden Mittelbereich dominiert, der dem Gebäude einen betont vertikalen Akzent gibt. Die mittige, rundbogige Eingangstür mit dem darüber liegenden Balkon markiert den Haupteingang deutlich. Der Balkon ist mit einem schmiedeeisernen Geländer versehen. Die Fenster sind regelmäßig angeordnet. Ihre Gestaltung variiert zwischen segmentbogigen und rundbogigen Abschlüssen im Erd- und Obergeschoss sowie rechteckigen Öffnungen in den Gauben des Dachgeschosses. Heute präsentiert es sich mit seiner weißen Fassade und den deutlich schlichter gestalteten Gauben und Fenstern in reduzierterer und moderner Form. Das ehemalige Landratsamt war einst nicht nur Verwaltungsgebäude: Im Obergeschoss lag die Wohnung des Landrats und seiner Familie, im Untergeschoss befanden sich Sitzungssaal, Kreissparkasse, Räume für das Sekretariat und das Büro des Landrats.